Ratsherrn Brauerei setzt auf kurze Wege, eine schonende Produktion und im neuen „Das Lokal“ auf CO₂-freien Ausschank

Hopfen und Malz, Gott erhalt’s. Kennt wohl jeder, diesen Spruch. Bier ist Kulturgut, auch und vor allem in Hamburg. Wenig Zutaten, viel Charakter – manch einer mag sich fragen, was da überhaupt noch zu verbessern ist. Antworten gibt es von von einer der bekanntesten Brauereien in der Hansestadt. Ratsherrn sitzt seit 2012 in den denkmalgeschützten Schanzenhöfen. Und hatte das Thema Nachhaltigkeit von Beginn an auf dem Schirm. Für einen besonders schonenden Brauvorgang heimste das Unternehmen kürzlich ein Gütesiegel für Slow Brewing ein. Auch ein neues Lokal, das im Mai in Eimsbüttel eröffnet wird, setzt auf ein entsprechendes Konzept.

Ein wichtiger Schlüssel ist es, unnötige Wege zu vermeiden. Denn die produzieren Verkehr, Abgase, Stress. Wenn nach dem „Alten Mädchen“ und der „Ratsherrn Bar“ nun als dritte Gastwirtschaft „Das Lokal“ an der Bismarckstraße in den Räumen des ehemaligen „Elbe 76“ eröffnet, kommt das Bier aus der gerade einmal drei Kilometer entfernten Brauerei aus der Schanze mithilfe eines Tanklasters in die Tanks des Lokals. Zudem kann dank moderner Technik beim Zapfen des Tankbieres gänzlich auf die Zuführung von CO2 verzichtet werden.

Kurze Wege dank eigener Abfüllung in Hamburg

Apropos kurze Wege: Die sind auch der Hauptgrund gewesen, im Oktober 2020 eine eigene Abfüllanlage in Hamburg-Billbrook in Betrieb zu nehmen. Zuvor war in dem 190 Kilometer entfernten Wagenfeld abgefüllt worden. Nun ist der Weg der Biers nicht einmal mehr zehn Kilometer lang. „Wir lieben und leben Hamburg, deswegen stand es außer Frage, dass wir langfristig auch regional abfüllen möchten und unserer Vision folgen, klimabewusst zu wirtschaften“, begründet Geschäftsführer Oliver Nordmann die Investition von rund fünf Millionen Euro. 

 

Ziel sei es, das frischeste Bier mit den kürzesten Transportwegen anbieten zu können. Und eben das sei jetzt greifbar. Lob gibt es für so viel Innovationsfreudigkeit auch von Wirtschaftssenator Michael Westhagemann: „Die Abfüllung mit kurzen Transportwegen ermöglicht eine nachhaltigere Produktion, sichert wirtschaftliche Unabhängigkeit und stärkt damit den lokalen Standort.“

Ökologische Aspekte spielen bei Ratsherrn schon seit der Firmengründung vor zehn Jahren eine große Rolle. Das Unternehmen setzt auf Energieeffizienz und grünen Strom. Es wird darauf geachtet, beim Brauvorgang möglichst wenig Wasser zu verbrauchen. Auf einem Bio-Hof auf der Insel Rügen wird mittlerweile eigene Gerste angebaut. Auch beim Sortiment wird das Thema Nachhaltigkeit aufgegriffen. So ist seit 2018 die „Organic Range“ fester Bestandteil des Sortiments. „Organic Ale“, „Organic Ale Alkoholfrei“ sowie das „Alsterwasser“ sind von Naturland zertifiziert, weil natürliche Ressourcen zum Einsatz kommen.

Dank schonender Brauweise zum Gütesiegel für Slow Brewing

Doch zurück zum Slow Brewing, für das die Brauerei kürzlich ausgezeichnet wurde. Dabei geht es um die Verwendung erstklassiger Rohstoffe und eine langsame Brauweise. Zudem wird der Verzicht auf nachträgliche Verdünnung eingefordert. Fürs Zertifikat werden alle Abschnitte der Wertschöpfungskette und die Unternehmensführung im Sinne der Nachhaltigkeit einer wissenschaftlich fundierten Kontrolle unterzogen. Monatlich werden die Qualit.tsprüfungen wiederholt, um das erwünschte Niveau zu halten und entsprechende Transparenz zu gewährleisten. „Es ist eine große Ehre mit dem Slow Brewing Gütesiegel ausgezeichnet zu werden und spiegelt genau das wider, wofür wir stehen wollen: höchste Qualität, bewusste und nachhaltige Produktion und das in einem tollen Arbeitsumfeld“, sagt Braumeister Ian Pyle. Aktuellster Stolz des Braumeisters: das Hamburg Hell, das unfiltriert und naturbelassen abgefüllt wird und den bayrischen Klassiker nordisch und regional ganz neu interpretiert.

„Das perlt“, würde unser norddeutsche Comedy-Liebling Olli Dittrich in seiner Paraderolle als Bierliebender „Dittsche“ da wohl sagen. Und zwar nachhaltig.

Quelle: SZENE Hamburg Sonderheft „Nachhaltigkeit“

 

DIE NORDMÄNNER

1908 als Bierverlag gegründet ist die Nordmann Unternehmensgruppe heute einer der größten Getränkefachgroßhändler Deutschlands. Zur Gruppe gehört neben dem Getränkehandel auch die Ratsherrn-Brauerei und die Hamburg Beer Company – eine Vertriebs- und Vermarktungsagentur für eigene und befreundete Bierbrauer weltweit. Über den Dienstleister kommen internationale Craft-Größen wie Brew Dog oder Mikkeller exklusiv in die deutschen Märkte. Drittes Standbein sind die eigenen Braugasthäuser, darunter das zur Brauerei gehörende „Alte Mädchen“. Außerdem hat die Gruppe noch einen 20-Prozent-Anteil an der einst von ihr gegründeten und später an Transgourmet verkauften Team Beverage AG. Geführt wird die Gruppe von Fritz-Dieter und Oliver Nordmann. Bruder Jürgen hat im Zuge der Unternehmensaufteilung 2010 unter anderem die Stralsunder Brauerei übernommen und braut dort das erfolgreiche Störtebeker.

DIE RATSHERRN

1951 wurde zum ersten Mal Ratsherrn Pilsener ausgeschenkt, gebraut in der Elbschloss-Brauerei. Im Zuge mehrerer Übernahmen kam die Marke später zur Holsten- Gruppe – die sie bei der KönigÜbernahme im Jahr 2000 aus Wettbewerbsgründen wieder abgeben musste. Nach Zwischenstation bei einem Finanzinvestor übernahm die Nordmann-Gruppe Mitte der Zweitausender Jahre erst die Vertriebs-, später dann auch die Markenrechte. Gemeinsam überlegten die neuen Inhaber, wo die Reise der Ratsherrn hingehen soll – die Antwort war eine Mischung aus Hamburger Braugeschichte und neuer Craft-Bier-Bewegung. Neben den Themen Heimat und Pils steht Ratsherrn heute vor allem für Kreativität und Sortenvielfalt. Die drei Braumeister Thomas Kunst, Philip Bollhorn und Ian Pyle probieren jeden Tag Neues aus, wie Ratsherrn-Chef Oliver Nordmann sagt. Heimat der 2012 eröffneten Brauerei sind die denkmalgeschützten Schanzenhöfe. Dort wurde 2018 erstmals die Marke von 50 000 Hektolitern überschritten.