Hanseatisch zurückhaltend antwortet Oliver Nordmann auf nationale Ambitionen mit seinem Ratsherrn-Bier. In wenigen Jahren hat er die Hamburger Traditionsmarke aus der Versenkung geholt und zur festen Größe im Norden gemacht. Jetzt will er dem Pilsener Brau-Stil zu neuem Ruhm verhelfen.

Die Internorga ist ein Heimspiel für Oliver Nordmann. Die LZ trifft ihn am Rande der Gastro-Messe. Keine 200 Meter vom Messegelände entfernt steht die Ratsherrn-Brauerei, mitten in den traditionsreichen Schanzenhöfen. Im angeschlossenen Craft-Bier-Laden stapeln sich nationale und internationale Bierspezialitäten, eine Tür weiter und man steht zwischen Kesseln, über den Boden rinnt das Wasser. Es riecht nach Maische, süß und würzig zugleich. Über eine kleine Anlage ruckeln Flaschen. Die „Micro“ ist die Versuchsküche der Ratsherrn-Brauer, der große Sud wird im Raum nebenan gebraut. Die Brauerei präsentiert sich wie ihr Viertel: mit viel Kreativität auf wenig Raum. Hinter der nächsten Tür öffnet sich das Gasthaus „Altes Mädchen“, das nach dem Lied von Freddy Quinn benannt ist. Hier kommen 30 Craft-Biere allein aus dem Hahn.

Oliver Nordmann: Was möchten Sie trinken?

Haben Sie ein alkoholfreies Craft-Bier? Kein eigenes.

Wie wär’s mit einem kleinen „Session“? Das ist ein leichtes Bier Pilsener Brauart mit nur 3 Prozent Alkohol.

Gerne. Jeff Maisel präsentiert auf der Messe gerade sein erstes alkoholfreies Craft-Bier. Ist das nichts für Sie?

Doch, wir sind dran. Aber das ist nicht so einfach: Alkohol ist nun mal ein Geschmacksträger. Unsere Brauer probieren gerade aus, bei welchem Bierstil sich der eigenständige Charakter am besten bewahren lässt. Wenn wir ein Alkoholfreies bringen, dann muss es auch schmecken. An der Entwicklung unserer „New Era Pilsener“ haben wir 15 Monate lang gearbeitet.

Dabei gibt es Ratsherrn-Pilsener so lange wie die Marke.

Das stimmt, Ratsherrn gibt es bereits seit 1951. Und damit auch das Ratsherrn Pilsener. Damals wurde es noch von der Elbschloss Brauerei produziert. 2012 haben wir dann die Marke revitalisiert und haben für Ratsherrn eine eigene Brauerei gebaut.

Mit dem Neu-Start 2012 haben Sie aus einer regionalen Pils-Marke einen Spezialitätenbrauer gemacht. Alle reden von IPAs und Pale Ales. Warum rücken Sie das Pils nun wieder so stark in den Fokus?

Das klassische Ratsherrn Pilsener war immer da und ist ein Grundpfeiler unserer Marke. Neulich hat mir ein Händler gesagt, dass unser Ratsherrn Pilsener bei ihm das meistverkaufte Sixpack ist. Das macht uns unheimlich stolz. Pils ist nach wie vor der beliebteste Bierstil der Deutschen und Teil unserer Geschichte. Mit den vier New Era Pilsenern bringen wir unsere Tradition sowie unsere Kreativität in Sachen Sortenvielfalt zusammen. Wir zeigen, wie unterschiedlich und spannend die Kategorie Pilsener sein kann. Am Anfang war das Pils ja geradezu verpönt in der Craft-Bier-Szene!

Pils gab es auch schon zu Genüge, als die Craft-Bewegung ihren Anfang nahm. India Pale Ale klingt eben interessanter.

Dabei ist ein Pils sehr anspruchsvoll: Geschmackliche Ungereimtheiten lassen sich hier nicht so gut kaschieren wie bei Bieren mit einem höheren Hopfenanteil. Das Pils ist gnadenlos.

Ist es nicht vielmehr ein Weg, mehr Biertrinker an das Thema Craft heranzuführen?

Das ist ein weiterer Aspekt, ganz klar. Pils kennt jeder, das gilt jedoch nicht für IPA, Pale Ale und Stout. Insofern funktioniert das Pils auch als ein Türöffner in die Craft-Welt. Die Leute wollen Vielfalt. Das zeigt der Erfolg von Spezialitäten wie Keller- und Landbieren. Wenn wir es schaffen, zu zeigen, wie viele Facetten ein Pils haben kann, dann probieren unsere Kunden beim nächsten Mal vielleicht auch mal eine andere geschmackliche Variante aus.

Einige Ihrer Craft-Kollegen sagen, die großen Biermarken in Deutschland schmecken alle gleich. Bitburger-Chef Axel Dahm sagte vergangene Woche, das sei „völliger Quatsch“. Wer hat Recht?

Ich würde sagen, der Konsument hat Recht.

Das klingt wie die diplomatische Antwort des Getränkehändlers Oliver Nordmann. Was sagt der Brauerei-Chef und Konsument Oliver Nordmann?

Der sagt, dass er sich Vielfalt wünscht. Und damit bin ich sicher nicht alleine. Unabhängig davon, ob mir das Bier von Herrn Dahm schmeckt und ob es sich in einer Blindverkostung eindeutig von anderen differenzieren ließe, ist meine Annahme, dass ein oder zwei Stile für eine Bier-Marke in Zukunft nicht mehr ausreichen werden. Unsere Brauer sind jeden Tag kreativ. Das heißt auch, dass wir heute Biersorten produzieren, die wieder verschwinden werden, dafür kommen andere. Bier braucht Vielfalt.

DIE NORDMÄNNER

1908 als Bierverlag gegründet ist die Nordmann Unternehmensgruppe heute einer der größten Getränkefachgroßhändler Deutschlands. Zur Gruppe gehört neben dem Getränkehandel auch die Ratsherrn-Brauerei und die Hamburg Beer Company – eine Vertriebs- und Vermarktungsagentur für eigene und befreundete Bierbrauer weltweit. Über den Dienstleister kommen internationale Craft-Größen wie Brew Dog oder Mikkeller exklusiv in die deutschen Märkte. Drittes Standbein sind die eigenen Braugasthäuser, darunter das zur Brauerei gehörende „Alte Mädchen“. Außerdem hat die Gruppe noch einen 20-Prozent-Anteil an der einst von ihr gegründeten und später an Transgourmet verkauften Team Beverage AG. Geführt wird die Gruppe von Fritz-Dieter und Oliver Nordmann. Bruder Jürgen hat im Zuge der Unternehmensaufteilung 2010 unter anderem die Stralsunder Brauerei übernommen und braut dort das erfolgreiche Störtebeker.

DIE RATSHERRN

1951 wurde zum ersten Mal Ratsherrn Pilsener ausgeschenkt, gebraut in der Elbschloss-Brauerei. Im Zuge mehrerer Übernahmen kam die Marke später zur Holsten- Gruppe – die sie bei der KönigÜbernahme im Jahr 2000 aus Wettbewerbsgründen wieder abgeben musste. Nach Zwischenstation bei einem Finanzinvestor übernahm die Nordmann-Gruppe Mitte der Zweitausender Jahre erst die Vertriebs-, später dann auch die Markenrechte. Gemeinsam überlegten die neuen Inhaber, wo die Reise der Ratsherrn hingehen soll – die Antwort war eine Mischung aus Hamburger Braugeschichte und neuer Craft-Bier-Bewegung. Neben den Themen Heimat und Pils steht Ratsherrn heute vor allem für Kreativität und Sortenvielfalt. Die drei Braumeister Thomas Kunst, Philip Bollhorn und Ian Pyle probieren jeden Tag Neues aus, wie Ratsherrn-Chef Oliver Nordmann sagt. Heimat der 2012 eröffneten Brauerei sind die denkmalgeschützten Schanzenhöfe. Dort wurde 2018 erstmals die Marke von 50 000 Hektolitern überschritten.

Was braucht Bier noch?

Heimat. Vor allem Heimat.

Ist Ratsherrn noch eine regionale Marke? Mit Ihren Spezialitäten stehen Sie ja schon in vielen Craftregalen im ganzen Land.

Wir werden immer eine regionale Marke sein und das meiste Geschäft im Norden machen. Aber das heißt nicht, dass wir woanders kein Bier verkaufen können. Hamburg ist ja kein schlechter Absender.

Stimmt, Fritz Kola wird auch im ganzen Land getrunken.

Bier ist jedoch ein viel regionaleres Geschäft als Limonade. Wenn wir glauben, dass eines unserer Craft-Biere auch woanders funktioniert, dann probieren wir es aus. Über unsere Hamburg Beer Company vermarkten wir Hunderte von Bierspezialitäten für den deutschen Handel…

…beispielsweise bestücken und betreuen Sie die Craft-Bier-Regale von Rewe. Das ist doch ein schöner Absatzkanal für Ratsherrn.

Da ist auch mal das eine oder andere Ratsherrn dabei. Aber wir drücken unsere eigenen Biere nicht auf Teufel komm raus in den Markt, damit sie dann im Regal verstauben. Es muss schon passen. Mit unserem klassischen Pils in Bayern anzutreten, wäre eine schlechte Idee.

Obwohl jeder größere Supermarkt, der etwas auf sich hält, heute eine Craft- Ecke hat, kommt der Marktanteil noch immer nicht über 1 Prozent hinaus. Warum?

Wir müssen den Menschen einfach noch mehr Lust auf Biervielfalt machen. Da ist vor allem die Gastronomie gefordert. Wenn hier in Hamburg Gastronomen ein neues Objekt aufmachen, sehen wir immer öfter, dass mehr Zapfhähne installiert werden. Das war lange Zeit schwierig…

…, weil die Restaurantbesitzer von den großen Brauern mitfinanziert werden und sich dafür im Ausschank binden.

Ja. Aber heute bestehen gute Gastronomen – gerade in den angesagten Ecken einer Stadt – von Anfang an auf mehr Freiheiten. Sie wissen, dass sie sich über Bier profilieren können, so wie über eine Weinkarte. Und das ist der einzige Weg, Craft aus der Nische zu führen. Es muss gelebt, erklärt, probiert werden. Deshalb eröffnen wir dieses Frühjahr in Hamburg am Mühlenkamp eine eigene Ratsherrn- Bar. Mal schauen, wie das in einem Viertel funktioniert, das nicht so touristisch geprägt ist wie die Schanze. Hier betreiben wir auf dem Brauereigelände unser Braugasthaus „Altes Mädchen“.

Und der Handel kann nichts tun?

Der Handel ist grundsätzlich offen, weil er mit Spezialitäten mehr Geld verdient. Deswegen haben viele mittlerweile ein eigenes Craft-Bier-Regal oder zumindest eine Ecke, nur: Es verkauft sich nicht von selbst. Ein gutes Category-Management, Info-Materialien und geschultes Personal sind wichtig. Mit unserer Hamburg Beer Company unterstützen wir dabei. Aber der Markt kann nicht allein im Handel gemacht werden. Wer nach Craft-Bieren schaut, hatte meist vorher schon Berührungspunkte, in der Gastronomie, bei Events oder Freunden.

Als Sie 2012 Ihre Brauerei eröffnet haben, sind Sie mit 3 000 Hektolitern gestartet. 2018 haben Sie mit über 50 000 Hektolitern die Kapazitätsgrenze erreicht. Wie geht es weiter?

Das war zu Beginn unsere Kapazitätsgrenze. Wir haben aber in kleinen Schritten aufgestockt. Am Stadtrand planen wir gerade unsere erste eigene Abfüllanlage mit Multipackfunktion. Dafür haben wir jetzt die kritische Größe erreicht. Was die Brauerei angeht, könnten wir theoretisch bis zu 100 000 Hektoliter produzieren, aber so weit sind wir noch nicht.

Ihr Bruder, Jürgen Nordmann, ist mit Störtebeker schon drei Mal so groß…

Ja, Störtebecker hat ja auch 20 Jahre Vorsprung. Damals, noch zu dritt, haben Jürgen, Fritz-Dieter und ich die Marke der Stralsunder Brauerei gemeinsam aufgebaut. 2010 dann wurde mit Blick auf unsere Nachfolgeregelung das Familienunternehmen sauber aufgeteilt. In diesem Zuge führte Jürgen die Brauerei weiter und baute die Marke Störtebeker national erfolgreich aus. Wir verfolgen mit Ratsherrn schwerpunktmäßig eine Regionalstrategie und setzen damit auf qualitatives Wachstum. Allein schon aufgrund unserer begrenzten Kapazitäten in der Schanze.

Sie haben drei Kinder. Ihr Sohn Niklas ist schon bei Ratsherrn engagiert.

Ja, er ist schon sehr aktiv dabei, macht aber parallel noch seinen Master. Unser neues Design mit der traditionellen Halskrause als zentralem Element trägt seine Handschrift. Sein Bruder befindet sich auch noch im Studium und interessiert sich für das Gastronomiegeschäft. Unsere Tochter studiert ökologische Landwirtschaft. Die Türen unseres Familienunternehmens stehen ihnen offen.

Und der Getränkefachgroßhandel – der stirbt aus?

Niemals! Mein Bruder Fritz-Dieter hat ja zum Glück auch noch Kinder und sein Sohn Fritz-Kristof tritt dieses Jahr ins Unternehmen ein. Das Großhandels-Gen ist nun schon seit 110 Jahren bei den Nordmännern und -frauen drin, das wird auch so bleiben. Der Getränkehandel steht vor vielen strukturellen Herausforderungen. Mit Blick auf die Marktkonzentration ist der Fachgroßhandel für Hersteller und Kunden wichtiger denn je. Aber um das zu vertiefen, dafür reicht ein kleines „Ratsherrn Session“ nicht aus.

lz 12-19

Das Gespräch führte Miriam Hebben. Erschienen in der Lebensmittel Zeitung (Ausgabe 12 22. März 2019)